Jungfrau in Nöten

Unser Amtsblattartikel vom 02.06.2017
Jungfrau in Nöten

Mit den ersten warmen Tagen strömen die Menschen wieder in Massen in die Freiburger Freibäder. Im Lorettobad gelten dabei seit dieser Badesaison neue Regeln und neues Sicherheitspersonal steht bereit um diese auch durchzusetzen. Insbesondere ist davon der für die Nutzung durch Frauen reservierte Teil des Bades betroffen, in dem neuerdings regulär auch Männer die Aufsicht führen. Im letzten Jahr waren Konflikte zwischen Nutzerinnen des Bades so eskaliert, dass vereinzelt die Polizei anrückte und sich die Verantwortlichen genötigt sahen zu reagieren. Da sie Frauen wohl nicht die nötige Autorität und Durchsetzungskraft zutrauten, um diese Konflikte in den Griff zu bekommen, wird diese Aufgabe nun von ganzen Kerlen wahrgenommen. Die Ironie, dass es durchaus im Bereich des Möglichen liegt, dass die im Notfall gerufene Polizeistreife wiederum aus Frauen besteht, ist der Stadtverwaltung und der Badleitung dabei wohl nicht aufgefallen.

Ebenso wenig scheint es für sie eine Rolle zu spielen, dass durch eine männliche Badeaufsicht auch Nutzerinnen ausgeschlossen werden. Insbesondere betrifft dies Frauen, die aus religiösen Motivationen heraus vor Männern keine Badekleidung tragen wollen. Von diesen Überzeugungen mag man halten, was man will, durch einen weiteren Ausschluss von gesellschaftlicher Partizipation wird jedoch sicherlich kein emanzipatorischer Fortschritt zu erzielen sein. Einen Fortschritt wird es nur für diejenigen bedeuten, die sich durch die bloße Anwesenheit von Muslima gestört fühlen. Ebenso werden aber beispielsweise auch Frauen mit sexuellen Gewalterfahrungen oder diejenigen, die sich den allgegenwärtigen und zuweilen ins Groteske gesteigerten gesellschaftlichen Erwartungen, die an den weiblichen Körper gestellt werden, nicht gewachsen fühlen, einer Möglichkeit zur freieren Entfaltung beraubt.

Dass die Badleitung mittlerweile zurückrudert und der Einsatz männlichen Sicherheitspersonals nun durch die mangelnde Personalsituation begründet wird, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele gesellschaftspolitische Vorstellungen der Fünfziger Jahre in den Köpfen vieler Freiburger EntscheidungsträgerInnen weiterhin Relevanz besitzen.