Die Probleme können nicht allein durch mehr Wohnraum gelöst werden

Sergios Rede zum Perspektivplan Freiburg 2030 im Gemeinderat vom 11.07.2017
Die Probleme können nicht allein durch mehr Wohnraum gelöst werden

Liebe Anwesende,

Einkommen und Mietpreise sind in den westlichen Demokratien nicht mehr verhältnismäßig. Das trifft auch Deutschland und besonders Freiburg. Junge Menschen brauchen immer länger, bis sie ein ordentliches Gehalt verdienen, und auch ein Studium sichert längst nicht mehr ein gutes und sicheres Einkommen, wie es noch vor wenigen Jahrzehnten war. In Freiburg kommen noch zwei weitere Probleme dazu: Zum einen ein starker - und begrüßenswerter - Zuzug, durch den die Nachfrage die  Mietpreise steigen lässt.  Zum anderen aber auch eine politische Vorgehensweise, welche versucht die Stadt ständig materiell aufzuwerten, sprich teure Bauprojekte und hochpreisigen Wohnraum auf den Weg zu bringen. Zumindest gegen das Erste versucht der Großteil des Gemeinderats, und auch die Stadtverwaltung, vorzugehen. 
Der von Nachfragen übersättigte Wohnungsmarkt soll durch neue Wohnungen entlastet werden. Dies ist eine logische Konsequenz, und unsere Fraktion sieht den Perspektivplan hierfür als einen sehr guten Leitfaden. Es muss jedoch allen klar sein, dass Neubau den Markt nur entlasten kann, wenn wir genügend bezahlbaren Wohnraum schaffen. Hierbei spielen geförderter Mietwohnungsbau und Studentenwohnungen des Studierendenwerks eine besonders wichtige Rolle.

Die bisherige Arbeit mit dem Perspektivplan verlief für mich als Gemeinderat sehr positiv. Die Vorgehensweise ist anschaulich, durchdacht und verspricht uns viel Potential, unsere Stadt weiter zu entwickeln. Insbesondere die Prämisse Wohn- und Naherholungsraum gemeinsam zu entwickeln, ist in meinen Augen der einzige Weg, die Spannungen im Freiburger Sozialgefüge zu lösen. Die Probleme, welche durch Gentrifizierung, Wohnraummangel und Ghettoisierung drohen, können nicht allein durch mehr Wohnraum gelöst werden. Es ist essentiell, jedem Menschen nicht nur einen Raum der geschützten Privatsphäre zu bieten, sondern auch Räume in denen er sich entfalten, zeigen, erholen, und sozialisieren kann. Nachverdichtung birgt das Risiko, Aktionsraumqualität zu verringern. Mit den Werkzeugen des Perspektivplans können Wohnraum und Aktionsraum gleichermaßen weiterentwickelt werden. Wir bleiben also weiterhin gespannt, welche Erfolge wir damit konkret erzielen können.  Es soll sich zeigen, ob der Perspektivplan nur gut aussieht, oder auch gut ist.

Unser Änderungsantrag sieht außerdem vor, den in der Broschüre formulierten Text zum Gebiet Wonnhalde dahingehend zu ändern, nicht nur eine - frei zitiert - „behutsame Anreicherung der Wonnhalde mit neuen Spiel-, Bewegungs- und Begegnungsstätten vorzunehmen“ sondern diese aktiv zu entwickeln und auch eine Wohnbebauung zu prüfen. Die Fläche Wonnhalde, sowie auch die Günterstäler Wiesen, können als städtisches Eigentum schnell erschlossen werden. Zudem sind sie bereits gut angebunden und auch die Gefahr, an dieser Stelle die Aktionsraum- und Naherholungsqualität der jetzigen und zukünftigen AnwohnerInnen zu gefährden, ist hier gering, da die Gebiete auch nach einer Bebauung von ausreichend Natur umgeben sind. Wenn die Stadt mithilfe des Perspektivplans aktiv weitere Spiel-, Erholungs- und Begegnungsstätten schafft, kann in diesem Teil der Stadt eine neues, lebendiges und grünes Quartier entstehen.
In einer Zeit, in der wir unseren baupolitischen Blick auf die ganze Stadt verwerfen müssen, wäre es unvernünftig diese Flächen ungeprüft zu lassen. Um die wohnpolitischen Versäumnisse der Vergangenheit möglichst schnell und hochwertig auszugleichen, dürfen wir auch keine Scheu vor den Tabus der Vergangenheit haben. 

Vielen Dank.