In dieser Stadt gibt es keinen Raum für mörderischen Nationalstolz

Sergios Rede zur Debatte um das Siegesdenkmal im Gemeinderat am 26.09.2017
In dieser Stadt gibt es keinen Raum für mörderischen Nationalstolz

Hallo Liebe Anwesenden,

ich bin nicht überrascht, aber wieder einmal enttäuscht. Ich weiß nicht, ob es einfache Oberflächlichkeit ist oder doch ein oft abgestrittener, aber scheinbar insgeheim wachsender Wunsch nach Patriotismus, der dazu geführt hat, das badische Siegesdenkmal wieder so prominent an den Auslauf der Kaiser-Josefs Straße zu stellen, direkt in das Herz dieser Stadt.

In der Vorlage schreibt die Stadtverwaltung das Siegesdenkmal wurde anlässlich des Deutsch-Französischen Kriegendes gebaut. Das ist nur halb richtig. Der Zeitpunkt war durchaus Kriegsende, der Anlass jedoch war die Ehrung des 14. Armeekorps des Deutschen Kaiserreichs, ein Armeekorps, das hauptsächlich aus badischen Soldaten bestand. Gegründet wurde dieses Korps nach der deutschen Einnahme Straßburgs, um die Gebiete zwischen den deutschen Soldaten vor Paris und dem deutschen Kaiserreich zu sichern. Dabei musste das 14. Armeekorps vornehmlich gegen zahlenmäßig überlegene Freischärler kämpfen. Das 14. Armeekorps gewann dennoch, weil Freischärler letztlich keine Soldaten sind, sondern Zivilisten, die sich aus der Not heraus freiwillig melden, um gegen Eindringlinge zu kämpfen. Außerdem eroberten die badischen Soldaten verschiedene französische Festungen im Elsaß, und schließlich gewann das 14. Armeekorps bei der Schlacht an der Lisaine gegen die dreimal größere Ostarmee der Franzosen. Wieder konnte das badische Armeekorps eine zahlenmäßig überlegene Armee besiegen, weil diese aus Freischärlern und frisch rekrutierten Soldaten bestand. Das Siegesdenkmal bezeugt keine Siege, es bezeugt, wie badische Soldaten französische Freischärler töten. Der ganze Deutsch-Französische Krieg war eine lächerliche Farce, in der Stolz, mehr noch als militärisches und politisches Kalkül, der entscheidende Auslöser war.

Wenn Stolz so wichtig wird, dass Menschen bereit sind, für ihn zu sterben und zu töten, wird er ein mächtiger Mechanismus der Kriegstreiber. Monumente, wie das Siegesdenkmal, verfolgen genau das Ziel, diesen Stolz zu entwickeln und den Menschen einzureden, für das Heimatland zu sterben und zu töten, sei etwas Großartiges. Auf dem Siegesdenkmal steht, ich zitiere: "Den Söhnen des badischen Landes und ihren Kampfgenossen. Den Siegern zur Ehre, den Gefallenen zum Andenken, den kommenden Geschlechtern zum Beispiele."

Ich möchte nicht, dass das 14. Armeekorps des Deutschen Kaiserreichs den kommenden Geschlechtern zum Vorbild gereicht. Ich möchte, dass wir als Stadtverwaltung, als Stadtrat und als Freiburger Bevölkerung zeigen: Wir wollen keine Kriege wegen Nationalstolz führen, wir wollen uns nicht mit den Toten unserer französischen Freunde brüsten. Für uns ist der Deutsch-Französische Krieg eine Schande, so wie er auch für die Franzosen eine Schande seien soll.

Und deswegen fordere ich ein Siegesdenkmal, das Schande und keinen Stolz ausdrückt. Ich will eine Viktoria, von der man sich beschämt abwendet, statt sie stolz an der Spitze unseres Stadtkerns zu positionieren.

Nach den vielen Fehlern, die im Rahmen des Platzes der alten Synagoge passiert sind, scheint sich bei Verwaltung und Gemeinderat immer noch keinerlei Lerneffekt eingestellt zu haben. Es herrscht keine Sensibilisierung für historisch prekäre Situationen, und auch keine Wahrnehmung für die Bedeutung von Symbolkraft. Während die Überreste der zerstörten Synagoge problemlos abgetragen werden konnten, um sie auszustellen, heißt es, die historische Positionierung des Siegesdenkmals sei wichtig für ihren "Denkmalcharakter". Die Meinung der Kunstkommission wird ebenfalls nicht geschätzt, da ihr mit der klaren Absage an die Ästhetik der Neuausrichtung Geschmacklosigkeit vorgeworfen wird. Vielleicht ist es für eine Stadtverwaltung zu schwer zu verstehen, dass Ästhetik nicht gleich Schönheit oder Symmetrie ist, aber dafür hat man ja auch eine Kunstkommission.

Eine Entscheidung an diesem Punkt ist auch eine Entscheidung, wie man mit Geschichte umgehen will. Zeitzeugen sind wichtig für unsere Gesellschaft, ganz egal in welcher Form. Auch ein Siegesdenkmal gehört zur Erinnerungskultur dazu. Was aber unsere Entscheidung ist, ist welche Zeitzeugen wir aus ihrem Kontext nehmen, um sie mit Abstand kritisch zu interpretieren, und welche wir zentral in unserer Hauptachse der Stadt positionieren. Eine Verlegung des Siegesdenkmals an einem Ort, auf den es eine weniger pathetische Wirkung hat, hätte ein positives Zeichen gesetzt. Durch eine Drehung des Siegesdenkmals in Richtung Karlskaserne, würde eine ästhetische Brechung der Linienführung des Stadtbildes entstehen, die die Besucher bewusst fragen lässt: Was soll das? Was ist hier passiert? Und die Antwort würde dort geschrieben stehen: "Der Freiburger Gemeinderat entschied sich dazu, dem Siegesdenkmal seine Wirkung im Stadtkern zu nehmen, denn in dieser Stadt gibt es keinen Raum für mörderischen Nationalstolz."

Vielen Dank.

Gehalten von Stadtrat Sergio Schmidt (Junges Freiburg/JPG) in der Sitzung des Freiburger Gemeinderates am 26.09.2017