Anti-Graffiti-Kampagne abgesetzt

Unser Amtsblattartikel vom 27.10.2017
Anti-Graffiti-Kampagne abgesetzt

Vergangenen Dienstag konnten wir mit einer Mehrheit im Gemeinderat die geplante Anti-Graffiti-Kampagne der Stadt vorerst absetzen. Das Geld, welches die Stadt in die Hand nehmen will, um u.a. Privateigentümern die Hausfassaden zu streichen, wurde nicht im Haushalt eingestellt. Jedoch besteht weiterhin die Absicht, es im Kampf gegen sprichwörtliche Windmühlen aus dem Fenster zu schmeißen. Vielleicht hilft eine Vorberatung im KJHA, um das Verständnis um die Jugendkultur Graffiti zu erweitern, von der die Entwickler dieser Kampfkampagne keine Ahnung zu haben scheinen. Als Jugendthema gehört diese Debatte sowieso in diesen Ausschuss.
Grundsätzlich gilt, überstrichene Graffiti sind nicht nur eine frische Leinwand für neue Graffiti, generell sind repressive Maßnahmen nur ein Ansporn für illegale Sprayer. Nicht umsonst zählen riskante Kunstprojekte, wie zum Beispiel das Besprühen haltender Züge, in der Graffitiszene zur Königsdisziplin.
Es ist außerdem nicht die Aufgabe der Stadt, Privateigentümern das Streichen ihrer Häuser zu bezahlen. Die Stadt erstattet schließlich auch keine geklauten Fahrräder oder zerkratzte Autos.
Natürlich sind Graffiti damit nur bedingt zu vergleichen. Denn Graffiti ist, wenn auch oft behauptet, kein Vandalismus. Eine besprühte Hauswand ist nach wie vor eine intakte Hauswand. Sie wurde nicht zerstört, ihr Aussehen wurde lediglich verändert. Gerade für öffentliche Gebäude stellt sich zudem die Frage, wer über das Aussehen zu entscheiden hat. Die stetige Urbanisierung, die mit dem Wachsen der Stadt Freiburg zu einer Großstadt einhergeht, ist zu viel für die provinzielle Geisteshaltung des Freiburger Spießbürgertums. Die konservativen Flügel der Stadtratsfraktionen versuchen mit diesem Anti-Graffiti-Programm ihre Wählerschaft zu beschwichtigen. Sie sind bereit, für dieses reine Symbolprojekt, welches auf die Graffiti-Situation in Freiburg keinerlei Auswirkungen haben wird, jedes Jahr viel Geld auszugeben.
Argumentiert wird mit einem Sicherheitsaspekt, das mit der Broken-Window-Theorie begründet wird. Diese Theorie gilt als widerlegt. Von politischer Seite wird dieser bald 40 Jahre alte Unsinn jedoch immer wieder instrumentalisiert, um eine Nulltoleranzpolitik zu fahren. Für sinnvolle Projekte, wie das Frauennachttaxi, sind Verwaltung und Gemeinderat nicht mal bereit, die Hälfte dieser Summe in die Hand zu nehmen.

Sergio Schmidt