Anti-Graffiti-Kampagne: Wir sind dabei, einen Haufen Geld zu verbrennen

Sergios Rede zum Antrag von CDU, SPD, FL/FF und Freie Wähler im Gemeinderat vom 12.12.2017
Anti-Graffiti-Kampagne: Wir sind dabei, einen Haufen Geld zu verbrennen

Liebe Anwesenden,

das Geld, welches die Stadt in die Hand nehmen will, um unter anderem Privateigentümern die Hausfassaden zu streichen, wurde nicht im Haushalt eingestellt. Das hindert scheinbar nicht daran, es im Kampf gegen sprichwörtliche Windmühlen aus dem Fenster zu schmeißen.

Ich freue mich, dass der Antrag im KJHA vorberaten wurde. Vielleicht half das dabei, die soziokulturellen Mechaniken nach denen die Graffiti-Szene funktioniert, besser verständlich zu machen. Sprayer stört es nicht, dass ihre Werke übermalt werden. Vergänglichkeit ist ein Teil dieser Kunstform. Genauso wenig, wie es darstellende Künstler stört, dass ihre Kunst temporär ist, stört es die Graffitikünstler. Auch das Räuber und Gendarm Spiel wird als Teil des Lifestyles begriffen. Ich sprach mit Tom Brane, einem sehr Bekannten Sprayer, bei seiner Ausstellung in der Fritz-Gallerie, auf die Verwaltungsvorlage an. Er sagte, was ich ihnen sagte: Der Graffitiszene ist scheißegal, was wir beschließen und was nicht. Wenn es sie interessieren würde, dann würden sie auch jetzt nicht sprühen. Ich spreche hier auch nicht, weil ich mich für die Graffitistene einsetzen will. Die interessiert sich nicht für Gemeinderatsbeschlüsse. Ich rede hier, weil wir dabei sind einen Haufen Geld zu verbrennen. Und die Argumente dafür sind mehr als schwach. Das absurdeste Argument ist das der Sicherheit. Farbe an Wänden bedroht niemanden. Farbe an Wänden beklaut niemanden. Farbe an Wänden verletzt niemanden. Steckt das Geld in ein umfangreicheres Nachttaxikonzept und wir können Menschen wirklich vor Gefahren schützen. Tapeziert damit Wände und zwei Wochen später ist es unter einer Schicht Farbe begraben. Was Gewaltprävention angeht, ist die Stadtverwaltung leider in den 80ern hängengeblieben. Ansonsten würde sie nicht an der Broken-Windows-Theorie festhalten, die aus wissenschaftlicher Sicht schon lange ad acta gelegt wurde und seither lediglich von der Politik missbraucht wird, um Nulltoleranzverfahren zu etablieren.

Apropos Nulltoleranzverfahren: Helsinki gehörte zu Anfang der Jahrtausendwende zu den radikalsten Städten in der Bekämpfung von Graffiti. Nachdem sich herausstellte, dass der Kampf gegen Streetart lediglich ein Geldfresser war, vollzog Helsinki eine 180 Grad Wendung. Die Stadt deklarierte in einer Pressemitteilung Graffiti als festen Teil der Stadtkultur. Die Stadtverwaltung und Parteien forderten, dass legale Sprühflächen explizit dort aufgestellt werden, wo sie von einer möglichst großen Öffentlichkeit gesehen werden können. Dieser neue Umgang bewährte sich und die öffentlichen Sprühflächen wurden 2011 weiter ausgebaut.

Was Streetart-Kultur angeht, befindet sich Freiburg also dort, wo sich die fortschrittliche Stadt Helsinki vor 20 Jahren befand. Sie ist dabei, die gleichen Fehler zu machen. Da man aber bekanntlich aus seinen Fehlern lernt, sind wir in 10 Jahren vielleicht auch bereit für einen sinnvollen Umgang mit Streetart.

Redebeitrag von Sergio Schmidt (Stadtrat JF) im Freiburger Gemeinderat vom 12.12.2017