Jüdisches Leben ist und bleibt fester Bestandteil dieser Gesellschaft, dieser Welt und das wird sich niemals ändern.

Simons Rede anlässlich der Chanukkafeierlichkeiten mit Überlebenden der Shoa in der Synagoge der Israelitischen Gemeinde Freiburg
Jüdisches Leben ist und bleibt fester Bestandteil dieser Gesellschaft, dieser Welt und das wird sich niemals ändern.

Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Überlebende der Shoa,
Liebe Angehörige,

ich freue mich sehr, dass Sie heute ihren Weg hierher in den Veranstaltungssaal der hiesigen israelitischen Gemeinde gefunden haben, um gemeinsam mit weiteren BürgerInnen dieser Stadt den dritten Tag des Chanukkas Festes zu feiern. 

Doch heute wollen wir nicht nur feiern, denn der heutige Tag hat eine spezielle Widmung: Er ist den Menschen gewidmet, die die unvorstellbaren Grausamkeiten des schlimmsten Verbrechens der bisherigen Geschichtsschreibung durchgestanden haben, der Shoa. Weltweit zünden heute Überlebende eine Chanukka-Kerze an, als Zeichen der Dankbarkeit und der Erinnerung. Es ist mir eine große Ehre, als gewählter Vertreter des Gemeinderates, hier an dieser Feierlichkeit teilnehmen zu dürfen und ein paar Worte an Sie zu richten.

Wir feiern heute den Tag als Erinnerunstag auf Initative der Claim Conference. Dass Juden und Jüdinnen, die durch die von Nazideutschland verursachte Hölle auf Erden gehen mussten, eine Form der finanziellen Entschädigung zusteht, erscheint aus heutiger Sicht selbstverständlich. Doch leider ist dieser Teil der deutschen Geschichte kein besonders schöner. Denn zur Zeit der Gründung der Claims Conference, 1951, mussten Überlebenden regelrecht um jede materielle Entschädigung, durch die neu gegründete Bundesrepublik Deutschlands, politisch und vor Gericht kämpfen. Lange bürokratische Prozesse, die strikt ausgelegte Nachweispflicht der erlittenen Qualen, zu welcher viele Überlenden verständlicherweise emotional nicht in der Lage waren und am Ende die bittere Erkenntnis, dass Angehörige der SS, welche im Dienst für Nazideutschland sich verletzten, mehr Geld vom deutschen Staate erhielten, wie Überlebende der Konzentrationslager, das ist beschämend und tut heute noch weh. Die damalige Haltung der neu gegründeten Bundesrepublik gegenüber den Überlebenden war mehr als unsensibel. Das von dem damaligen Bundeskanzler Konrad Adenauer geprägte Wort "Wiedergutmachung" ist ein Zeuge dieser Haltung. Denn wie sollte diese traumatischen Erfahrungen, den unendlichen Schmerz der Überlebenden mit Geld aufwiegen können? Das ist nicht möglich und sollte auch kein politisches Ziel sein. Vielmehr geht es hier neben dem finanziellen Absichern der Überlebenden, um eine Symbolische Geste der Reue und ein Eingeständnis, dass Deutschland unendlich Schuld auf sich geladen hat und bereit ist sich dieser zu stellen. 

Neben der materiellen Entschädigung gehört es sich auch, dass man Lehren zieht aus der Vergangenheit, dass man aufarbeitet, was geschehen ist. Es liegt an uns, dass wir alles menschenmögliche tun, damit sich ein solcher mörderischer Antisemitismus, ein solche unmenschliche Vernichtungswut, welche neben Juden auch Sinti und Roma, Homosexuelle, sog. Asoziale und politische Gegner wie Kommunisten getroffen hatte, nie wieder seine destruktive Kraft entfalten kann.

Dazu zählt auch die Erinnerungsarbeit. In Freiburg hatten wir im Zuge der Umgestaltung des Platzes der alten Synagoge eine historische Chance, ein Stück Geschichte in Form der letzten Steinreste, der von der Freiburger Bevölkerung und der SA zerstören Synagoge, am Ort des Geschehens zu erhalten. Leider ist dies nicht geschehen, auch hier blitze kurz wieder die alte, deutsche, unsensible Geisteshaltung aus der Nachkriegszeit auf. Die Stadtverwaltung blieb stur und die abgetragenen Steine der alten Synagoge liegen jetzt auf einem Bauhof der Stadt. Mit der Errichtung eines Dokumentationszentrum zur NS Geschichte, an einem prominenten Platz in der Freiburger Innenstadt, hat die Stadt nun nochmal die Chance, den Steinen einen würdigen Ort für Gedenken und Erinnern zu schaffen. Ich hoffe, dass die Stadt diese neue Chancen nicht auch verspielt.

Neben der Vergangenheit müssen wir auch unser Augenmerk auf die lebenden Juden und auf Ihren Staat Israel richten. Denn der mörderische Antisemitismus, der zur Shoa führte, ist keineswegs durch die militärischen Zerschlagung Nazideutschlands verschwunden. Auch heute sterben weltweit Juden aufgrund antisemitischer Gewalt, auch heute stehen hier vor der Synagoge Polizeibeamte zum Schutze dieser Veranstaltung. Es sind nicht mehr nur die Rechten, die jüdisches Leben bedrohen, auch der Islamismus ist zu einer virulenten Gefahr mutiert. Der islamistische Terrorstaat Iran, wo eliminatorischer Antisemitismus zur Staatsdoktrin gehört, bedroht jüdisches Leben weltweit. Ein Fakt, den die Stadt Freiburg übrigens nicht davon abhält, eine politische Partnerschaft in den Iran, nach Isfahan, zu unterhalten. 

Dies zeigt, die Gefahr einer Wiederholung der grausamen antisemitischen Verbrechen der Nationalsozialisten, ist keineswegs gebannt. Aber durch die Gründung eines unabhängigen, bewaffneten Staates mit eigenem Territorium, schafften die Juden selber das mächtigste Instrument, um diese Wiederholung dauerhaft und auch für die Zukunft zu unterbinden. Es ist die Vergangenheit, die es gebietet, den Staat der Juden in jeglicher Form zu unterstütze, gerade auch jetzt, wo der antisemitische Mob wieder marschiert und vor dem Brandenburger Tor Davidsternfahnen verbrannt werden. 

Zivilgesellschaftliches Engagement gegen Antisemitismus und Menschenverachtung, das erinnern an die Vergangenheit und der kritische Blick in die Zukunft bleibt eine wichtige Aufgabe, besonders der nichtjüdischen Bevölkerung. Denn Antisemitismus ist kein Problem der Juden und Jüdinnen, es ist ein Problem der nichtjüdischen Gesellschaft.

Das Chanukka Fest bietet einen guten Rahmen für eine solche Arbeit. Wir feiern heute die Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem, der Rückkehr jüdisches Lebens an einen Ort, wo es durch Waffengewalt eins vertrieben wurde. Ein Fest der Hoffnung und der Zuversicht mit einer Botschaft, die es sich lohnt zu verkünden: Jüdisches Leben ist und bleibt fester Bestandteil dieser Gesellschaft, dieser Welt und das wird sich niemals ändern.

Redebeitrag von Stadtrat Simon Waldenspuhl (JPG), anlässlich der Chanukkafeierlichkeiten mit Überlebenden der Shoa in der Synagoge der Israelitischen Gemeinde Freiburg am 14.12.2017.