Ein Ort des Gedenkens muss dem Geschehenen angemessen sein

Amtsblattartikel vom 06.07.2018
Ein Ort des Gedenkens muss dem Geschehenen angemessen sein

Der Brunnen auf dem Platz der alten Synagoge kommt nicht aus den Schlagzeilen. Seit der Eröffnung des Platzes vor knapp einem Jahr ist klar, dass es hier ein Interessenkonflikt gibt. Auf der einen Seite FreiburgerInnen und TouristInnen, die bei warmen Temperaturen Abkühlung suchen, und auf der anderen Seite Freiburger BürgerInnen und TouristInnen, die sich der historische Dimension und des Charakters des Brunnens als Gedenkort bewusst sind. Darunter befinden sich nicht wenige, die als Nachfahren einen persönlichen und emotionalen Bezug zu diesem geschichtsträchtigen Ort haben. Als es noch keinerlei Beschilderung gab und wenig auf den mahnenden Charakter des Brunnens hinwies, war noch es möglich den Planschenden den Vorzug der Unwissenden zu bescheinigen. Doch nun stehen dort zwei große Schilder, die alle darauf hinweisen, warum der Brunnen dort steht. Doch die erfrischungssüchtigen Massen hat das nicht beeindruckt. Die beiden jüdischen Gemeinden haben schon kurz nach der Fertigstellung des Brunnens auf diesen Konflikt hingewiesen. Die Reaktionen aus der Stadtgesellschaft waren uneindeutig. Die katholische und evangelische Kirche wünschten sich zum Beispiel einen Gedenkort, zu dem man gerne geht. Diese Meinung schien auch in der Freiburger Bürgerschaft ein gewissen Widerhall zu finden.

Wir von der JPG Fraktion können uns dieser Position nicht anschließen. Ein Ort des Gedenkens an die Shoa sollte kein Ort sein, an den man gerne geht und an dem man sich abkühlen kann, wenn man ein wenig schwitzt oder Erholung nach einem Stadtbummel sucht. Eine Gesellschaft, die sich kritisch mit ihrer Vergangenheit befasst, bräuchte keine besonderen Anreize, um an solch prägende Orte zu gehen. Das offenkundig mangelnde historische Gewissen, das sich in dieser Debatte offenbart, wird man allerdings auch mit diesem Platz nicht beheben. Der Bedarf für ein NS-Dokumentationszentrum ist offenkundig.

Die Erinnerung an diese schmerzhafte Zeit darf unserer Ansicht nach ruhig unbequem sein. Dieses singuläre Verbrechen war ein Zivilisationsbruch und ein Ort der Erinnerung sollte dem Geschehenen
angemessen sein. Es ist richtig, dass die Stadtverwaltung nun endlich auch Handlungsbedarf sieht. Es ist uns wichtig, dass man den Gedenkbrunnen zu einem Ort macht, an dem ein würdevolles Gedenken möglich ist. Wenn die Zivilgesellschaft das nicht alleine herstellen kann, muss man als Stadt
eingreifen. Wie diese Maßnahmen im Einzelnen aussehen werden, diskutieren wir nächsten Dienstag. Dass es soweit kommen muss, sollte aber allen GemeinderätInnen und der Stadtgesellschaft über der Zustand der Erinnerungskultur in Freiburg zu denken geben.

Abstimmungsverhalten JPG im Gemeinderat (26.06.2018)
Zustimmung für die Tagesordnungspunkte (TOPs): 8, 9, 10, 11, 12, 14, 15, 16, 17, 18, 19, 20, 22, 25, 26, 27, 28 und 29.
TOP 21 haben wir abgelehnt.