Ohne Bezug zu heute verkommt Erinnerungsarbeit zu Folklore

Simons Rede zum Grundsatzbeschluss zur Konzeption und Einrichtung eines Dokumentations- und Informationszentrums über den Nationalsozialismus in Freiburg im Gemeinderat vom 24.07.2018
Ohne Bezug zu heute verkommt Erinnerungsarbeit zu Folklore

Sehr geehrte Damen und Herren, 

sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Horn, 

wir freuen uns heute hier über den Grundsatzbeschluss für ein NS-Dokumentationszentrum abzustimmen. Es freut uns ebenfalls, dass die Idee für ein solches Zentrum die breite Unterstützung des Gemeinderates und auch der Stadtverwaltung genießt.

Der Philosoph Theodor W. Adorno, der unter anderem in seiner Schrift „Erziehung nach Auschwitz“ herausarbeitet, dass sich Auschwitz jederzeit wiederholen könne, da in allen Prozessen der Zivilisation auch immer ihr Gegenteil angelegt ist, und zwar die Barbarei, ist eine Erkenntnis, die Auschwitz düster beweist. Innerhalb von 15 Jahren ist aus einer demokratischen Gesellschaft im Herzen Europas das grausamste Regime der Menschheitsgeschichte erwachsen. Dieser Umstand darf nie vergessen werden. 

Genau wie nie vergessen werden darf, dass Freiburg in diesen 15 Jahre Barbarei keine ruhmreiche Rolle gespielt hat. Der Gau Baden galt als Mustergau, die Gauleitung rühmte sich in dieser Zeit damit, antisemitische Befehle aus Berlin schneller umzusetzen, als diese offiziell in Kraft treten würden. So war Freiburg eine der letzten Städte des Deutschen Reiches, in welcher sich Juden überhaupt ansiedeln durften, und die erste Großstadt des dritten Reichs, welche offiziell „judenfrei“ war. 

Um ein erneutes Umschlagen der Demokratie in den Totalitarismus zu verhindern, ist Aufklärung und Bildung von größter Bedeutung. Wir freuen uns, dass diese Elemente wichtige Bestandteile des NS-Dokumentationszentrums werden sollen.

Auch Platz für ein würdiges Erinnern soll geschaffen werden. Der Kompromissvorschlag, der im Zuge des Mediationsverfahren mit den beiden jüdischen Gemeinden aufkam, findet sich ebenfalls in den Säulen, aus denen dann ein Konzept für ein solches Zentrum entstehen soll. 
Das Konzept erscheint uns im großen und ganzen schlüssig. Wir sind uns bewusst, dass hier nur sehr grobe Eckpunkte genannt werden. 

Zu den veranschlagten Flächen können wir nur hoffen, dass wir einen Standort finden, in dem diese möglichst großzügig ausfallen. Gerade die Fläche für die Sonderausstellung, die bei breiten zu erforschenden Themenfeld doch eine relevante und wichtige Bedeutung hat, ist mit 100 qm doch sehr gering bemessen.

Zur Frage der Trägerschaft favorisieren wir eine eigenständige Stiftung. Das hier zu behandelnde Thema ist sehr sensibel. Eine formale Unabhängigkeit von staatlichen Institutionen ist ein Pluspunkt. Die hier zu leistende Aufarbeitungsarbeit muss sich auch mit postfaschistischen Kontinuität in Verwaltung und dem neuen Staat der BRD befassen. Eben auch aus dem historischen Wissen und den aktuellen Beobachtungen,  was passiert, wenn rechtsautoritäre Kräfte an die Macht gewählt werden, ist dies die logische Konsequenz. In Ungarn und Polen geraten staatliche Museen, die sich kritische mit der eigenen Geschichte befassen, massiv unter Druck und werden in autoritärer Manier nach der Ideologie dieser Revanchisten umgebaut. 
Der Beirat sollte selbstredend alle Hinterbliebenenorganisationen der verschiedenen Opfergruppen des Nationalsozialismus repräsentieren. Inwieweit die Kirchen, die sich bis auf einzelne Ausnahmen mit der NS Herrschaft ganz gut abgefunden hatten, da dabei sein sollten, wäre nochmal gesondert zu diskutieren. 

Das in irgendeiner Form auch die Gegenwart ihren Platz in einem solchen Zentrum findet, ist selbstredend. Ohne Bezug zu heute verkommt Erinnerungsarbeit zu Folklore. Dieses Zentrum soll nicht dazu da sein, um zu zeigen, wie vorbildhaft wir mit Geschichte umgehen, sondern soll ein Anker werden für Demokratie, Menschlichkeit und Demut im Angesucht des aufziehenden Sturms der autoritären Revolte. 

Wie schon in den Ausschüssen, schlagen wir vor, dass das Zentrum eng mit dem historischen Seminar zusammenarbeitet. In Freiburg machen hunderte Studierende ihren Abschluss in der Geschichtswissenschaft. Mit dem Angebot sich ein freiburgspezifisches Thema aus der NS-Zeit zu suchen und die Forschungsergebnisse dann im Rahmen einer Ausstellung der Erinnerungsarbeit zu veröffentlichen, ist sicher ein guter Anreiz und schafft wertvolle Synergieeffekte. 

Ebenfalls haben wir den Antrag gestellt, im Rahmen der Konzipierung des Zentrums ein öffentliches Symposium zu dieser auf die Beine zu stellen, in welchem auch die Freiburger Bevölkerung zusammen mit Experten aus der Wissenschaft über eine sinnvolle Erinnerungsarbeit debattiert. Im Detail gab es solche Symposien schon in anderen Städten. Am Beispiel eines Themas, zum Beispiel eignet sich hier der Umgang mit dem Brunnen auf dem Platz der alten Synagoge, können beispielhaft verschiedene Elemente der Erinnerungsarbeit bearbeitet werden. Mit einem konkreten Thema von heute, zum Beispiel dem Antisemitismus an Freiburger Schulen, kann man Erkenntnisse aus der Debatte konkret verarbeiten.
Wir freuen uns nun auf die weitere Konzeption und hoffen, dass wir möglichst bald einen geeigneten Standort für dieses Haus finden. 

Danke an die Stadtverwaltung für die gute Vorarbeit.